19. Juli – Anchorage, eine Großstadt inmitten der Wildnis

Besucherzentrum Anchorage
Besucherzentrum Anchorage

Es ist 7:30 Uhr und die Duschen des Creekwood Inn RV-Park gehören uns ganz allein. Ausgeschlafen und gestärkt vom Frühstück machen wir uns startklar für die Abfahrt. Der Uhrzeiger steht auf 10 Uhr. Bei strahlendem Sonnenschein zeigt der Himmel sein schönstes Blau. Wir nutzen das gute Wetter für eine Stadtbesichtigung in Anchorage. Obwohl uns Alaskas Metropole im Vorjahr ganz und gar nicht überzeugt hat, wollen wir uns die Großstadt etwas näher ansehen. Vielleicht lag es auch daran, dass wir überwiegend in der Wildnis unterwegs waren. Wegen der vielen Verkehrsstaus, Tankstellen, Restaurants, Supermärkten oder Lagerhallen bekommt man den Eindruck, in einem Vorort von Los Angeles zu sein. Wir nennen es deshalb „Los Anchorage“. Mit knapp dreihunderttausend Einwohnern ist es immerhin die größte Stadt Alaskas inmitten der Wildnis.

Unser erster Aufenthalt ist im Zentrum der Stadt. Dort befinden sich außer der 5th Avenue Shopping Mall weitere Sehenswürdigkeiten. Viel zu fotografieren gibt es zwar nicht, aber die meisten Fotomotive reihen sich unmittelbar nebeneinander. Selbst der Veranstalter Kenai Fjords Tour hat hier eine Filiale. Wir nutzen die Gelegenheit und sichern uns zwei Tickets für übernächsten Tag ab Seward. Die Bootstour startet morgens um 8 Uhr morgens und führt bis zum Aliak Gletscher im Kenai Fjords Nationalpark. Die Buchung hat unsere Reisekasse gerade um 280 Dollar erleichtert. Aber uns ist das egal. Man gönnt sich ja sonst nichts, grins! Anschließend folgt ein Besuch der Alaska Railroad Corporation. Dort gibt es im Außengelände eine Sehenswürdigkeit, die fotografiert werden will. Es wird Zeit, Anchorage zu verlassen. Bis zu unserem Etappenziel Homer warten schon weitere Ausflugsziele.

Potter Marsh – Alaskas Vogelparadies

Potter Marsh Boardwalk
Potter Marsh Boardwalk

Die Stadtgrenze liegt gerade hinter uns, als die nächste Sehenswürdigkeit folgt. Es ist die Potter Marsh, ein Naturschutzgebiet. Das Anchorage Coastal Wildlife Refuge liegt unmittelbar am Seward Highway. Ein hölzerner Boardwalk führt durch die Landschaft der Potter Marsh. Von Seeadlern, Kanadagänsen und Küstenseeschwalben gibt es über neunzig verschiedene Vogelarten, die hier leben oder vorbeiziehen. Am besten lassen sich die Tiere mit einem Fernglas entlang des Holzweges beobachten. Heute gibt es allerdings nur wenige davon zu sehen. Vielleicht liegt es auch an einem Schießstand in der Umgebung, der nicht zu überhören ist. Durch den Tipp einer Touristin können wir mit viel Mühe einen Babyadler im Baumnest erspähen. Währenddessen kommt ein Zug der Alaska Railroad an uns vorbei gerauscht. Was für ein Erlebnis! Nachdem wir alle Holzwege erkundet haben, geht’s zurück zum Camper.

Seward Highway – eine der schönsten Panoramastraßen weltweit

Auf dem Weg in den Süden beginnt eine der schönsten Panoramastraßen weltweit. Der Seward Highway erstreckt sich von Anchorage bis nach Seward über eine Länge von über 200 Kilometern. Die Straße führt am Turnagain Arm entlang durch die Chugach Mountains auf die Kenai Halbinsel. Wir halten an fast jeder Parkbucht und genießen einen 180-Grad-Weitblick auf die Meeresbucht und die umliegenden Berge. Ein Aussichtspunkt davon ist der Beluga Point Lookout. Angeblich soll es ein hervorragender Platz zur Beobachtung von Belugawalen sein. Wale sehen wir leider keine. Das mag wohl daran liegen, dass die Weißwale erst zur Wanderung der Lachse hierher kommen.

Heute herrscht Hochwasser. Der Höhenunterschied ist enorm. Der Tidenhub von bis zu zehn Metern sorgt täglich für eine auflaufende Springflut von bis zu 25 km/h über den Schlick. In Nordamerika gibt es nur in der Bay of Fundy ein höheres Hochwasser. Unser persönlich schönster Aussichtspunkt befindet sich weiter südlich in der Nähe der Einfahrt nach Girdwood. Bereits im Vorjahr hat uns dort die Aussicht am besten gefallen. Vor lauter Parkbuchten gestaltet sich die Suche mühsam. Es mag sich zwar merkwürdig anhören, aber unser einziger Anhaltspunkt ist eine pinkfarbene Blume am Rand einer felsigen Böschung. Diese blüht von Jahr zu Jahr kräftiger. Dieses Postkartenmotiv muss man mit den eigenen Augen gesehen haben.

Turnagain Arm, Alaska
Turnagain Arm, Alaska

Crow Creek Mine – filmreife Goldmine in zauberhafter Bergkulisse

Crow Creek Mine, Alaska
Crow Creek Mine, Alaska

Nach der Traumstraße folgt ein bisschen Abwechslung. Unser nächstes Ausflugsziel ist eine historische Goldmine in der Nähe von Girdwood. An der Kreuzung zum Alyeska Highway halten wir zunächst an einem Pizzaladen und stärken uns mit einer Margherita. Danach folgen wir der Straße in die hohen Berge. Vor dem Dorf Girdwood zweigt linker Hand ein unbefestigter Weg zur Crow Creek Mine ab. Die Fahrt auf der Schotterpiste wird abenteuerlich. Die Straße ist sehr schmal und mit Schlaglöchern überseht. Die hohen Bäume am Wegesrand werden mit dem Truck-Camper zur echten Herausforderung, besonders wenn Gegenverkehr droht. Aber daran sind wir mittlerweile gewöhnt im hohen Norden von Amerika. Nach über drei Kilometern ist die Anfahrt endlich geschafft. Wir sind am Ziel!

Parkplätze sind ausreichend vorhanden. Die filmreife Goldmine in zauberhafter Bergkulisse besteht seit dem Jahr 1898. Mitten in den Bergen stehen zahlreiche authentische Blockhäuser, die man eher als Dorf bezeichnen kann. Am Eingang wird ein Eintrittspreis von 10 Dollar pro Person fällig. Die Mittagssonne treibt uns Schweißperlen auf die Stirn. Das Thermometer zeigt über 25° Grad an. Wir nehmen uns Zeit und besichtigen die historischen Gebäude, die liebevoll mit Antiquitäten eingerichtet sind. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie die Menschen früher hier gelebt haben. Die historische Goldmine war von 1898 bis zum Zweiten Weltkrieg erfolgreich in Betrieb.

Es gibt sogar ein Souvenirgeschäft, das Goldwaschpfannen aus Plastik verkauft. Ein Fußweg führt hinunter bis zum legendären Goldfluss Crow Creek, der eher wie ein reißender Bach aussieht. Nicht wenige Touristen versuchen ihr großes Glück beim Goldschürfen. Uns reizt der Spaß überhaupt nicht. Dafür haben wir einen anderen Ort vorgesehen, der noch vor uns liegt. Die früher gefundenen Goldnuggets waren angeblich so groß wie Hühnereier. Heute findet man dort nur noch Flitter, das aus kleinen Goldkörnern besteht. Nachdem wir bei sommerlichen Temperaturen ins Schwitzen kommen, geht’s zurück zum Camper.

Portage Lake und Gletscher – beeindruckendes Landschaftspanorama

Portage Glacier Road, Alaska
Portage Glacier Road, Alaska

Zurück auf dem Seward Highway steuern wir unser Fahrzeug weiter in den Süden. Trotz der großen Entfernung nach Homer lassen wir den Portage Lake und Gletscher nicht aus und wagen einen Abstecher dorthin. Am Knick des Turn Again Armes führt die Portage Lake Road direkt zum See. Nach ungefähr zehn Kilometern mit dem Camper erreichen wir schon den Parkplatz und das Besucherzentrum des Portage Lake. Leider gibt es dieses Jahr kein Treibeis auf dem Wasser. Die Enttäuschung ist uns sichtlich anzusehen. Ohne diesen Mini-Eisberg ist das Landschaftspanorama nur halb so beeindruckend. Trotzdem schießen wir ein paar Erinnerungsfotos. Unmittelbar von der Byron Glacier Road kann man auf den Byron Gletscher blicken. Eine Wanderung zum Gletscher wagen wir nicht. Uns sitzt die Zeit im Nacken.

Portage Lake, Alaska
Portage Lake, Alaska
Byron Gletscher
Byron Gletscher
Byron Gletscher
Byron Gletscher
Portage Valley
Portage Valley

Kenai Peninsula – ein Muss für jede Alaskareise

Willkommensschild, Kenai Peninsula
Willkommensschild, Kenai Peninsula

Jetzt heißt es Gas geben auf der Kenai Halbinsel, damit wir rechtzeitig in Homer ankommen. Es ist Sonntag und es herrscht viel Verkehr auf Alaskas Halbinsel. Zum Glück ist es nur viel Gegenverkehr. Es ist das Wochenendziel vieler Einheimischen, die zu den Lachszügen an die Flüsse zum Angeln kommen. Die Halbinsel sollte man deshalb im Sommer möglichst von Montag bis Freitag besuchen. Hotels und Campingplätze könnten sonst knapp werden. Nach einer Stunde unterwegs im Camper biegen wir rechts auf den Sterling Highway und fahren ohne Pause weiter, um keine Zeit zu verlieren. Baustellen und Geschwindigkeitsbegrenzungen von maximal 55 Miles/h, das einem Tempo von 90 km/h entspricht, lassen die Hafenstadt im Südwesten der Halbinsel nicht mal eben so erreichen. Vorbei geht’s an vielen Orten wie Kenai, Ninilchik und Anchor Point, die wir uns auf der Rückfahrt ansehen wollen.

Homer – der schönste Außenposten Alaskas

Willkommensschild Homer, Alaska
Willkommensschild Homer, Alaska

Es ist bereits abends, als wir in Homer ankommen. Hinter uns liegt ein Weg von über 350 Kilometern. Die Vorfreude ist riesig. Wenn man an einem schönen warmen Sommertag nach Homer kommt, muss man über einen Hügel fahren, hinter dem sich die ganze Pracht der Kachemak Bucht öffnet. Den ersten Blick genießen wir an der Ortseinfahrt vom Baycrest Hill Viewpoint. Dort befindet sich auch ein Willkommensschild, vor dem wir uns auf einem Erinnerungsfoto verewigen lassen. Die Gletscher und Bergketten am Horizont sind ergreifend. Homer ist so etwas wie der letzte und schönste Außenposten Alaskas. Eingerahmt vom Landschaftspanorama zählt die Stadt gerade mal 5000 Einwohner. Massentourismus muss man hier nicht fürchten, obwohl der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Es ist ein Gefühl am Ende der Welt, angekommen zu sein. Weiter geht’s nur mit dem Boot oder Flugzeug.

Baycrest Hill, Homer
Baycrest Hill, Homer

Wir beschließen, weiter zu fahren. Allein die Fahrt nach Homer Spit, ein Meeresarm im Cook Inlet ist ein Erlebnis für sich. Dabei handelt es sich um einen betonierten Landstreifen, der sieben Kilometer in die Bucht ragt. Das Wetter ist heute für einen Ort im Cook Inlet von Alaska herausragend schön. Im glanzvollen Abendlicht genießen wir den Blick auf die Bucht und machen einen Spaziergang am Hafen der Landzunge. Dabei besichtigen wir urige Kneipen und schauen Fischer beim Filetieren zu. Der Landstrich ist einzigartig.

Heritage RV Park – teuerster Campingplatz der Reise

Jetzt fehlt uns nur noch ein Campingplatz für die Nacht. In unserem Reiseführer wird besonders für den Heritage RV Park auf Homer Spit geworben. Also nichts wie hin. Der RV Park liegt direkt auf dem Meeresarm im Cook Inlet. Die Lage mit den umliegenden Bergen in der Kachemak Bay ist umwerfend schön. Der RV Park selbst ist dagegen alles andere als umwerfend. Alle Stellplätze bestehen aus Steinen, ohne einen einzigen Baum, Busch oder Grashalm. Der Park ist zwar gut gebucht, aber es gibt noch verfügbare Plätze. Kein Wunder, bei 70 Dollar für die Nacht. Wir beißen in den sauren Apfel und denken lieber an die einzigartige Lage und die sauberen Sanitäranlagen. Es ist sehr spät, als die Sonne langsam hinter den Bergen verschwindet. Richtig dunkel wird es nicht. Als wir ein letztes Mal aus dem Camper blicken, wird uns bewusst, in welchem Teil der Welt wir uns gerade befinden. Gute Nacht!